1.    Der Schlurm

Der Schlurm entwickelte sich in den letzten Jahren aus einer interessanten und eigentlich unmöglichen Kreuzung zwischen einer Wasserschlange und dem gemeinen Pirelli- Regenwurm .
Der Schlurm ist der kleinste einheimische Wassersaurier.
Sein Lebensraum sind gläserne Blumenvasen, Wassergläser und Zahnputzbecher. Bei 0,8 mm Länge und 0,3 mm Höhe bemerkt man ihn erst, wenn er seinen einzigen Zahn in die versehendlich dargebotene Fingerspitze bohrt, was sehr schmerzhaft ist. Dies tut er besonders dann, wenn sein empfindlicher Gemütszustand außer Kontrolle gerät.Das passiert, wenn seine blasenartigen Schwimmkörper aus Nahrungsmangel auf ein Drittel ihrer Größe geschrumpft sind.In diesem Zustand äußerster Aggression verfärbt sich sein ansonsten sehr anmutig hellblau und gelb gefärbtes Äußeres feuerrot und schwarz und die Augen quellen wie Tennisbälle aus seinem winzigen Kopf. Dieser Anblick ist selbst für hartgesottene, mutige Mitmenschen furchterregend. Schlürme in diesem Zustand der Wut und des Heißhungers sind dann gefährlich explosiv, auch selbst wenn man sie nur leicht berührt. Auch verändert sich ihr Ernährungsverhalten drastisch. Fressen sie sonst die Rückstände von Mundwasser, Blumendünger und Frankenbrunnen extra spritzig, so stürzen sie sich bei Mangelernährung auf alles Fleischliche. Nach einschlägigen Berichten aus dem Jahr 2002 versuchte in einem damals Aufsehen erregenden Fall in einem oberbayrischen Zoo ein einziger unterernährter Schlurm einen unvorsichtigen Elefanten, der Wasser aus einem Glas trinken wollte, von der Rüsselspitze her zu verschlingen, indem er sein in dieser Situation sehr flexibles Maul über das Beutetier stülpte. Leider konnte er nach dieser überdimensionalen Malzeit nicht mehr untersucht werden, da er am Ende des Vorgangs zerplatzte. Der Elefant überlebte damals, zeigt allerdings seitdem einen Hang zum unkontrollierten Trompeten der Melodie „ Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt.“
Hält man den Schlurm artgerecht und stellt ihm genügend Nahrung bereit, so ist er ein possierlicher, liebenswerter Zeitgenosse. Stellt man ihm ein Einmachglas mit einer Lupenvorrichtung als Heimstatt zur Verfügung, so bringt er einem viel Freude. Besonders in der Dämmerung, die er wegen ihrer zwielichtigen Verhältnisse sehr schätzt, lässt er manchmal unverhofft seine ihm eigene herrliche Blubbersopranstimme erschallen. Sein Gesangsrepertoire erstreckt sich von tränenreichem Blues über zuweilen sehr frivole französische Chancons bis hin zu Arien, besonders denen der italienischen Oper, von Verdi und Puccini. Aber auch jenen von Mozart ist er nicht abholt. Eine sehr berühmt gewordene, in einer kristallenen Blumenvase aus Russland ausgewanderten Schlurmin, war seinerzeit die Blubbersopranistin Anna Worowna, auch „La Magnifica“ genannt, die Anfang des Jahres 2003 in New York in einem Proseccoglas lebte und mit ihrer Stimme alle Wassergläser zum Platzen brachte, was damals auf dem Broadway zu diversen Überschwemmungen und rauschenden Wasserparties mit spektakulären Badeorgien der dort lebenden Bevölkerung führte.
Schlürme treten einzeln, in Schwärmen oder als Paare auf. Sie sind in sexueller Hinsicht sehr aktiv und pflanzen sich durch Nasenbeißen fort, wobei bisher nicht erforscht ist, wie sich das häufige Beißen ihr Geruchsorgan verändert. Diese Praktiken scheinen sich aber nicht nachteilig auf die Fruchtbarkeit auszuwirken. Auch 90- jährige Schnürme sollen nach speziellen Untersuchungen noch Nachwuchs hervorgebracht haben, obwohl sie sich nicht mehr riechen konnten. Beim Werbungsritual tritt allerdings eine Besonderheit auf. Da rennen die Schlürmpaare meist kopflos umher, unfähig sich zu orientieren, was manchmal zu Verwechslungen der jeweiligen Partner und gewaltigen Streitereien führt. Schlürme in der Brunft schillern oft in allen Farben des Spektrums, stoßen wilde Schreie aus die von Pfeifen unterbrochen werden und entfachen einen regelrechten Sturm der Leidenschaft in ihren gläsernen Behältern. Nach der Befruchtung fallen sie kurze Zeit in einen komaartigen Halbschlaf. Sie bringen nach 3 Monaten 3 bis 4 Junge zur Welt, was durch eine Nasengeburt passiert. Ihren Nachwuchs pflegen sie liebevoll und partnerschaftlich.
Schlürme sind seit einigen Jahren immer häufiger in unseren Breiten anzutreffen. Eine Erklärung dürfte die immer mehr Überhand nehmende Verbreitung von niedergelassenen Zahnarztpraxen sein. In deren Schlepptau wird in der breiten Bevölkerung zusehens mehr Zahnpflege betrieben, was der Spezies mit ihrer sehr eingeschränkten Nahrungsvorliebe entgegenkommt. Da die Zahnpflegemittelhersteller – sprich die Pharmakonzerne- aufgrund dieser wirtschaftlichen Entwicklung ihre starke Position auf dem Weltmarkt und an der Börse immer mehr festigen konnten, ist die Nahrungsgrundlage der Schlürme bis auf Weiteres bestens gesichert.