„Im Gleitflug oder Die Weisheiten der Donna Aurora“ (Erzählung)    
                                                 
1.
Die Wege des Schicksals sind oft verschlungen und überraschend für den , der in seine Fänge gerät. Man weiß vorher leider nie, was einen um die nächste Ecke erwartet.
So erinnere ich mich an eine Begegnung, die mich zu gleichen Teilen faszinierte, in meinem Innersten berührte  und mir die Vielfalt der Phänomene innerhalb einer Spezies so deutlich vor Augen führte, dass ich nun, trotz  der langen Zeit, welche die Ereignisse zurückliegen, den Drang verspüre, das damals Erfahrene aufzuzeichnen für meine Nachkommen und diejenigen, welche als Suchende und Zugvögel durch die Welt streifen, viele Orte und Bäume anfliegen und sich stets um eine Flugrichtung bemühen, die ihr von Wind und Luft gezeichnetes Leben als gefiederte Bewohner unseres Planeten auf der rechten Bahn hält.
Meist sind die Einflüsse, die wir im Laufe unserer Lebensreise durch andere erhalten, erst nach Jahren zu ermessen und entsprechend wertzuschätzen, sind wir doch wie alle Kreaturen dem Gesetz des richtigen Augenblickes unterworfen, der uns erst dann in die Lage versetzt, das Gesehene und Erfahrene für uns neu zu erkennen und unseren Nutzen daraus zu ziehen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Eines ist jedoch offensichtlich: Jedes Gesagte und Gesehene, und im Besonderen das Beispiel hat Einfluss auf die Flugbahn unseres Lebens. Und es kommt dann äußerst eindrucksvoll zum Vorschein, wenn wir die Erfahrungen durch dieses Vorbild in einer bestimmten Anforderung, die uns das Leben stellt, durch unseren Geist  verbinden können, wobei niemand ermessen kann, wieweit dieser Einfluss letzten Endes reichen wird.
Um meine Begegnung mit Donna Aurora, von der hier die Rede sein wird, in ihrer vollen Bedeutung an dich, lieber Leser, weitergeben zu können, sei es mir erlaubt, etwas weiter auszuholen, da ich glaube, dass einige Bemerkungen zu meinem damaligen Leben als Stelzvogel für das Verständnis der späteren Ereignisse von Wichtigkeit sind.
Man möge mir meine gedanklichen Ausschweifungen verzeihen, aber ich gehöre der Gattung der Gefiederten an, die sich gerne ab und an in überschwänglichen Höhenflügen ergehen und damit zeitweise, wie es ihre Art und Bestimmung ist, den Boden unter den Füßen verlieren. Ich werde mich dennoch bemühen, hier für Mitglieder anderer Gattungen, besonders die, welche die Vernunft und Logik als Banner vor sich hertragen –und hier seien besonders die Vertreter der im Rudel jagende Bodenbewohner genannt- ein erträgliches Maß einzuhalten. Jedoch -  was kann so ein Vogel wie ich denn anderes als fliegen, leiblich und geistig! Und besonders in der Seele!
So lass uns denn endlich die Flügel spreizen und gemeinsam vom Boden in die Gefilde der Gedanken, Gefühle und Worte abheben und sehen, wo jeder einzelne am Ende meiner Geschichte  landen wird!
Vielleicht schafft es der eine oder andere sogar in die Zweige eines Baumes, von dessen Wipfel aus er seinen Weg deutlicher sehen kann als bisher.
Das wäre meine ganze Freude.
So folge mir also auf meinem Flug ins Abenteuer. Die Neugier möge dich leiten! Denn sie führt uns direkt ins Leben.Als sich jene schicksalhaften Ereignisse, von denen ich im Folgenden berichten will, zutrugen, stand ich am Anfang meines jungen Lebens. Ich war ein fescher, halbwüchsiger Jungstorch mit Namen Ferdinand, welcher nach dem Willen meiner Mutter, einer aristokratischen Störchin der Gattung „Weisstorch“ mit langem Stammbaum und gelegentlichen Anfällen von Dünkelhaftigkeit, nicht in der deutschen Weise verwendet werden sollte. Nein, in Erinnerung an ihre gute Erziehung und einen kurzen Aufenthalt an der Nordküste Afrikas, währenddem sie von einem dort lebenden feurigen Schwarzstorch österreichischer Abstammung einige Brocken der französischen Sprache erlernte, bestand sie darauf, der Name müsse in der Weise jener Sprache gesprochen werden. Ferdinand also. Und sie war in dieser Angelegenheit sehr hartnäckig. Ich vermutete zeitlebens, dass mein Name mit dem des damaligen Verehrers identisch sei und dass sich hinter dieser Eigentümlichkeit ein gut gehütetes amouröses Geheimnis verbarg . Es wurde jedoch mit Rücksicht auf den guten Ruf meiner Mutter und die Gefühle meines Vaters, der ein zwar liberaler, aber auch  sehr sensibler Vogel ist, nie darüber gesprochen und so blieb diese Sache ein Geheimnis, das ich nur zu gerne mit meiner Person verband und das meiner Eitelkeit schmeichelte. Meine beiden Schwestern machten sich natürlich, wenn Mutter nicht anwesend war,  einen Spaß daraus, diesen Namen so undeutlich und falsch als möglich auszusprechen. Aber sie konnten mich damit nicht kränken, da ich mich als den Augapfel von Mama wusste und für etwas ganz Besonderes hielt.
Neben dieser namentlichen Besonderheit war ich im Naturell von leichtlebig- fröhlicher Liebenswürdigkeit , die jeden für mich einnahm. Etwas zerzaust und immer in Eile stelzte ich durch mein frühes Leben und war fest davon überzeugt, dass alle schönen Dinge nur eigens für mich erdacht seien. Ich war ein Glücksvogel und war mir dessen sehr wohl bewusst.
Meine Kindheit und frühe Jugend verlief also zu meiner vollen Zufriedenheit, und ich dachte nicht im Geringsten, dass sich daran sobald etwas ändern würde.
So traf es mich zunächst sehr schmerzhaft, als meine liebevolle Mutter mir eines Tages, nachdem sie mir beim Fliegen zugesehen hatte, in sehr bestimmtem Ton zu verstehen gab, dass ich nun zu groß für das Nest und in jeder Hinsicht flügge sei und ab sofort für mich selbst sorgen müsse. Ich sei jetzt ein Mann, und zwei Männer in einem Nest seien einer zu viel. Vater, langbeinig, hager und vom langen Storchen- und Eheleben schon etwas graufedrig geworden, stimmte ihr bei, denn er hoffte heimlich, er könne nach der ihn zusehends mehr erschöpfenden Brutpflege in diesem Jahr mehr Zeit und Ruhe für sich und seine Frau erlangen. Denn nach der Aufzucht von erneut 3 Kindern benötigt ein etwas betagterer Zugvogel doch immer länger , um sich vor Beginn des großen Fluges zu regenerieren, sich die Flugroute noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen oder sich regelmäßig mit den anderen Mitgliedern der Flugtruppe zu treffen, eine saftige Libelle zu verzehren und sich auf die lange und anstrengende Reise vorzubereiten. Meine Schwestern, mir stets in der Zeit voraus,  waren bereits einige Tage „eigenständig“. Ich dagegen hatte, da Kost und Logis ja bekanntermaßen zu Hause  sehr bequem und angenehm sind, diese irgendwann zu erwartende Situation wohlweislich ignoriert. Doch jetzt, so merkte ich, war die Tatsache wohl nicht mehr zu verdrängen.
 So wurde mir denn eines schönen Freitags im Juni unmissverständlich der sprichwörtliche Stuhl vors Nest gesetzt. Meine Mutter vergoss noch ein paar Tränen, wozu mein Vater, erfahren und nüchtern wie er war, den Kopf schüttelte, mir auf die Flügel klopfte und mir alles Gute wünschte.
Nun war ich also plötzlich allein – und frei.